Zittersieg mit viel Glück – Turbine besiegt SGS Essen mit 1:0

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Spielbericht zur Bundesliga-Partie: 1. FFC Potsdam gegen SGS Essen am 28.02.2020

Unlive bei Eurosport

Flutlichtspiele im „Karli“ versprechen immer eine besondere Atmosphäre. Die Partie des 16. Spieltages wurde aufgrund der medialen Werbemaßnahme für den Frauenfußball auf den Freitagabend vorverlegt, da Eurosport in Übereinkunft mit dem DFB ein Spiel der Flyeralarm Frauen-Bundesliga immer freitags überträgt.

Demzufolge waren alle Beteiligten gerüstet: Beide Teams machten sich warm, die Fans hatten ihre privaten Kalender aktualisiert und die Essener Fans einen Urlaubstag genommen, vermutlich sogar eine Übernachtung in Potsdam gebucht. Insgesamt gab es im Hintergrund weniger organisatorische Vorbereitungszeit auf dieses um zwei Tage vorverlegte Spiel. Aber was tut man nicht alles, damit die Akzeptanz für den Frauenfußball zunimmt.

Warum up (Foto: sas)

Doch einer fehlte am Start: Eurosport. Die Flyeralarm Frauen-Bundesliga ließ am Freitagnachmittag im hervorragenden Amtsdeutsch folgenden Wortlaut verkünden: „Aufgrund einer kurzfristigen Programmänderung bedingt durch externe Faktoren war eine produktionstechnische Umsetzung des Top-Spiels für Eurosport heute nicht umsetzbar“. Da fragt man sich, soweit dieser Wortgebrauch verständlich ist, was sich hinter diesen „externen Faktoren“ verbirgt. Auf jeden Fall war die wiederholte Ausstrahlung eines Wintersport-Events auf Eurosport mehr Priorität als die Live-Übertragung eines weiblichen Fußballspiels. Der Wunsch nach mehr Verlässlichkeit, gelingender Kommunikation und Professionalität schreit zum Karli-Himmel.

Diejenigen unter den 1035 Zuschauer/innen, die trotz der winterlich-feuchten Kälte um 3 Grad die Entscheidung gefällt hatten, im „Karli“ live dabei sein zu wollen, hatten das Fußballglück in die eigene Hand genommen. Die anderen, die es sich aus verschiedenen Gründen auf der Couch gemütlich machen wollten, gucken in die Leere – oder verfügten über ein Magenta-Sport-Abo.

Arme Frauenfußballwelt. Auch den kommenden Algarve-Cup wird das gleiche Schicksal ereilen. Der Fußball bleibt männlich – willkommen in Deutschland!

Abklatschen mit Essen (Foto: sas)

Vor dem Anpfiff

Zurück in die Frauenfußballstadt Potsdam: Hier ist man mit Herz dabei, hier diskutiert man keine grundsätzlichen und abgedroschenen Dinge. Hier erfreut man sich an der Qualität und Brisanz der Frauen-Bundesliga – und fiebert euphorisch mit.

Vor Spielbeginn wurden Adrijana Mori und Sara Agrež von der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft ein Zertifikat für gute bis sehr gute Deutsch-Sprachkenntnisse mit öffentlicher Wertschätzung überreicht. Auch das macht den Frauenfußball in Potsdam aus.

Sprach-Zertifikat für Adrijana (Foto: sas)

Es wurden weitere Mitglieder in den Turbine-Kidsclub aufgenommen und auf die Umweltaktion hinsichtlich der neuen Pfandbecher mit Turbine-Logo verwiesen.

Danach liefen die beiden Teams auf. Die SGS Essen ist ein schwierig zu kalkulierender Gegner, eine Prognose über Sieg und Niederlage ist alles andere als gewiss. Vier Nationalspielerinnen kämpfen für das Ruhrpott-Team, das mit einer Siegesserie nach Potsdam reiste. Potsdam und Essen rangieren in der Tabelle nebeneinander, Potsdam auf dem 5. Platz, Essen auf Rang 4. Somit war ein Spiel auf Augenhöhe zu erwarten. Natürlich mit einem Heimvorteil für Potsdam, denn die lautstarken Turbinefans sind einmalig in der Flyeralarm Frauen-Bundesliga.

Siem Hussein fungierte als Schiedsrichterin, die Erwähnung ihres Namens ist für die Schilderung des Spielgeschehens von Bedeutung…

Starke Körpersprache – starkes Spiel (Foto: sas)

Auf geht’s in die 1. Halbzeit

Mit dem Anpfiff begann die SGS Essen Fußball zu spielen, Potsdam nicht. Essen gewann mit der ersten Sekunde für die nächste halbe Stunde die Oberhand. Die Fehler im Spielaufbau, die mangelnde Aggressivität im Mittelfeld, die vielen verlorenen Zweikämpfe – das alles beflügelte die Essenerinnen nur in eine Richtung. Die Torchancen reihten sich wie hübsche Perlen an einer Kette. Herzflattern war unter den Fans angesagt. Und Manjou Wilde führte unermüdlich fast alle Eckbälle und Freistöße für Essen aus. Fischi hatte enorm zu tun und auch die Potsdamer Abwehr rettete öfter in höchster Not. Hier war Reagieren statt Agieren angesagt – wohin war die Souveränität und Spielfreude aus den Spielen gegen Jena und Köln spaziert?

Lara kämpft um jeden Ball (Foto: sas)

Aber Turbine Potsdam sollte an diesem Freitagabend eine Riesenportion Glück haben. In der 15. Minute foulte Agrež die heranstürmende Turid Knaak im Strafraum, doch die Elfmeter-Konsequenz durch die Schiedsrichterin blieb aus. Puh!

Nach der ersten halben Stunde voller Kurzatmigkeit und Gestöhne der Fans fingen sich die Potsdamerinnen und schalteten ihren Turbinenantrieb ein. Nun begann endlich das erwartete Spiel auf Augenhöhe. Es gab Torchancen auf beiden Seiten – und das Tor, das Essen in der 33. Minute nach einer unübersichtlichen Strafraumszene fabrizierte, zählte einfach mal nicht. Die Schiedsrichterin zeigte auf den Anstoßpunkt, aber die Linienrichterin forderte den Dialog. Danach zeigte Riem Hussein nicht mehr auf den Anstoßpunkt. Puh Nr.2!

Mit einem gnädigem 0:0 ging es in die Halbzeitpause, obwohl Essen die spielbestimmende Mannschaft war.

Traineransage und Start in die zweite Halbzeit

Die Ansage des Trainers Matthias Rudolph muss die Ohren der blutjungen Potsdamer Truppe erreicht haben, denn deren Spielweise änderte sich. Noch dazu wurde Tory Schwalm zu Beginn der zweiten Halbzeit für Nina Ehegötz eingewechselt und brachte tatsächlich frischen Wind mit.

Überfliegerin (Foto: sas)

Nun erarbeiteten sich auch die Turbinen eine Torchance nach der anderen, durch Schwalm, Höbinger, Prašnikar. Essen hielt mit Senß und Schüller dagegen. Aber dann trat die 18-jährige Marie Höbinger zum Freistoß aus halbrechter Position an und wählte den Kopf von Malgorzata Mesjasz aus. Diese ließ sich nicht zweimal bitten und köpfte den Ball in der 71. Minute hinein. Der erlösende Torjubel war groß! Potsdam ging in Führung – und begrenzte dann das Spiel auf eine akurates Spiel nach hinten. Die Potsdamer Abwehr wurde zur Berliner Mauer. Essen konnte sich in den verbleibenden Minuten keine Torchance mehr erspielen.

Welcome, Karoline Smidt Nielsen!

Mit großer Euphorie wurde in der 86. Minute die Einwechslung von Karoline Smidt Nielsen gefeiert, die seit ihrer Verpflichtung vor anderthalb Jahren nun ihr Debüt für Turbine Potsdam abhielt. Turbine Potsdam hat nun wieder eine Nummer 10 in ihren Reihen, das ist wichtig für die Zukunft.

Viel Unmut kam von den Zuschauerrängen, was die Schiedsrichterleistung in Bezug auf Fouls und Behinderungen bei Zweikämpfen betraf. Ein stärkeres und konsequentes Eingreifen wurde gefordert.  Spätestens, als Fischer nach einem heftigen Zusammenprall mit Hegering verletzt am Boden liegen blieb – und das Potsdamer Auswechselkontingent ausgeschöpft war – war der Protest ein lautstarker. Doch Fischer biss die Zähne zusammen, schließlich sind wir beim Frauenfußball… und Potsdam holte sich die drei Punkte.

Player oft the match

Die blutjunge Marie Höbinger wurde von den Pressevertreter_innen zum „Player oft the Match“ gewählt und scheute sich nicht, ein paar enthusiastische Worte ins Stadionmikro zu brüllen.

Marie Höbinger posaunt ins Stadionmikro (Foto: sas)

Trainerstimmen

Der Essener Trainer zeigte sich in der anschließenden Pressekonferenz sehr enttäuscht und zollte trotzdem den siegreichen Potsdamerinnen Respekt. Hier ging es sportlich fair zu. Grundhaltung und Ausbildungskonzepte beider Vereine ähneln sich, man ist sich sympathisch.

Für den Chefcouch Matthias Rudolph war im Nachgang sehr schnell klar, dass erst die „halbe Miete“ eingefahren war und verwies auf die „nächste Schlacht“, die am 22. März, um 15 Uhr, im Karli abgehalten wird. Dann begrüßt Potsdam wiederholt die SGS Essen, diesmal zum DFB-Pokal-Viertelfinale.

Mancher Turbinefan tat sich im Nachgang schwer mit der Annahme der Riesenportion an Glück, die zu diesem Zittersieg geführt hatte. Das Mitgefühl für die SGS Essen und das ehrliche Ansinnen überwogen – so sind die Turbinefans:-)

Text: Susanne Lepke

Fotos: Saskia Nafe, Beatrice Martens

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