Maskottchen hinter Gittern

Spielbericht zum DFB-Pokal-Halbfinale: FC Bayern gegen 1.FFC Turbine Potsdam am 15. April 2018

 

Aus der Traum vom Finale in Köln! Das spart Zeit und Geld, was man nun für ein gesellig-entspanntes Familiengrillen zu Pfingsten investieren kann. Ist das ein Trost?

Nach dem vorangegangenen Bundesliga-Spiel gegen Wolfsburg, was nur knapp verloren ging, war ein gewisser Optimismus auf ein erfolgreiches Halbfinalspiel vorhanden.

Turbinefans am Start

Der Fanbus, der an diesem Aprilsonntag zwischen 6.00 und 1.00 Uhr zweimal quer durch Deutschland fuhr, war gut gefüllt. Über das Bus-„Mikroskop“ wurden zur allgemeinen Aufklärung die umfangreichen Einlasskontroll-Regeln des FC Bayern bezüglich der Dinge, die ins Stadion mitgenommen werden dürfen bzw. deren Mitnahme nicht gestattet ist, verlesen. Erstaunlich viel neues Wissen, was ein erstes Kopfschütteln der stadionerfahrenen Frauenfußball-Fangemeinde verursachte. Denn das Klientel der Frauenfußballfans gilt aus freundlich, nett und gemäßigt.

Ein Auszug: Rucksäcke und Taschen, die größer als ein DIN A-Blatt sind, dürfen nicht ins Stadion hinein. Trommeln, die unten offen sind, sind gestattet. Eine Aussage zur Mitnahme von Fanfaren blieb ungeregelt? Na ja, „unten offen“ waren sie ja… Und die XXL-Ratschen, was war mit diesen?

Dienjenigen Leser_innen, die einen genaueren Einblick erhalten wollen, sei dieser Link empfohlen: bayrisches Regelwerk.

Auf der Hinfahrt

Also lud der Fanbus direkt vorm Grünwalder Stadion knapp 40 wohlgestimmte Fans aus, die aufgeklärt klitzekleine Stoff- und Plastiktütchen bei sich trugen. Und weitere 100 Fans gesellten sich aus den umliegenden Ortschaften dazu oder entsprangen alternativen Verkehrsmitteln wie Flugzeug, Zug oder Auto.

Und dann passierte es, was die reisefreudigen und stadionerfahrenen Turbinefans im In- und Ausland noch nie erlebt hatten:

Das knallgelbe Maskottchen „Turbinchen“ musste hinter Gittern!

Turbinchen hinter Gittern

Eingequetscht zwischen all den abgegebenen Rucksäcken und Taschen, die größer als ein DIN-A4-Blatt  waren, musste es nun die nächsten 90 Minuten ausharren. Gefahr im Verzug!

Und die „unten offenen“ Fanfaren und die Fahnen, deren Stangen runder als 2cm waren, und die leere Tasche, die die Fanblockfahne transportiert,  und ein liebevoll gemaltes Fanplakat, gesellten sich dazu. Ein chaotisch, bunt gemixtes Garderoben-Provisorium im Grünwalder Stadion, von strengen Security-Blicken und einem flatternden Plastik-Absperrband bewacht.

Aber wie sollten unsere Turbinen ohne das gewohnte Bienen-Kuscheltier-Maskottchen spielen?

Mit großem Unverständnis gegenüber den strengen Regeln, die sicherlich sinnvoll auf die Männerfußballwelt zutreffen und hier stringent Anwendung finden sollten, nahmen die Turbinefans Platz. Jedoch geht dieses Regelwerk des FC Bayern Frauen völlig an dem üblichen, gemäßigten Verhalten der Frauenfußballfans vorbei. Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Warum auch immer.

Die bayrischen Fans wurden unmittelbar als lautstarke Wesen zur Kenntnis genommen. Der Stadionsprecher ließ das tempoangemessene Mitsprechen der Spielernamen bei der Mannschaftsaufstellung wieder einmal nicht zu. Vielleicht gibt es auch dazu eine Regel? Na ja, zum Glück durften die Turbinfans bei anderen Auswärtsspielen eine herzliche und respektvolle Gastfreundschaft genießen.

Geld verdirbt den Charakter.

Rückenfoto für die Presse, der leeren Hauptribüne zugewandt

Wie dem auch sei – der Optimismus wurde trotz Maskottchenverlust gewahrt. Mit reduzierter Fan-Equipment-Ausstattung  war der Blick nun aufs Spielfeld gerichtet, nachdem beide Mannschaften brav die leere Haupttribüne angewunken hatten und ein „Rückenfoto“ für Fernsehen und Presse geschossen wurde.

Die Show war im vollen Gange, die Zuschauer live vor Ort vorerst nur Staffage.

Leere Haupttribüne

In der 3. Minute dann plötzlich ein Lattenknaller für Bayern, ein erstes Signal drohender Gefahr. Und kein Maskottchen weit und breit, an das man sich hätte festklammern können. Dann folgte eine längere Verletzungspause, als eine Turbine (Nina Ehegötz) und eine Ex-Turbine (Kristin Demann) mit den Köpfen aneinanderprallten. Das erinnerte an das heißumkämpften Pyrrhussieg-Spiel gegen Frankfurt vor einigen Jahren im Karli. Noch dazu, weil dieselbe Schiedsrichterin wie damals die Pfeife bediente.

Etwa 10 Minuten wurde beidseitig in Unterzahl weitergespielt, bis beide Spielerinnen mit bandagierten Köpfen auf den Platz zurückkehrten. Dann war die Zeit reif für ein Tor. Ein Abstaubertor durch Leonie Maier. Die bayrische Folklore-Tormusik ertönte – und die Potsdamer Fans trommelten optimistisch auf ihren fünf vorher angemeldeten Trommeln dagegen. Sie hätten den Optimismus auch gern mit Fanfaren und XXL-Ratschen unterlegt, aber diese allgemeine Gewohnheit widerspricht dem bayrischen Regelwerk.

Doch dann sehnten sich die Turbinefans irgendwann das Ende der ersten Halbzeit herbei, denn der Anblick des zerfahrenen Spiels der blauen Kaninchen gegen die rot-weißen Schlange erzeugte ein allgemeines Leid. Den Torbienen gelang es nicht, ein eigenes Spielkonzept durchzusetzen. Der Ball kam kaum nach vorn durch, wurde zu oft durch die Mitte gespielt, für die Zweikämpfe ließen sich die bayrischen Spielerinnen weniger Zeit als die Turbinen, zahlreiche Fehlpässe erstickten aufkommende Hoffnungskeime, unser Sturm verkümmerte im Singledasein unseres Dampflökchen Svenja Huth. Die Mannschaft brauchte jetzt unbedingt eine Kabinen-Ansage, die wachrüttelte und Strategien aufzeigte! Aber was sie nicht brauchte, bekam sie kurz vor Halbzeitende: Es klingelte wiederholt im Potsdamer Torgehäuse. Ein Abseitstor – zum Glück!

In der Halbzeitpause begann der Run auf die fast an einer Hand abzählbaren Damentoiletten, sodass diesmal notgedrungen kollektiv der „Toiletten-Tortrick“ ausprobiert wurde. Und er klappte sogar: Noch auf der Toilettenbrille verharrend, ertönte in der 47.Minute ein erneuter Torjubel.

Umspielt bzw.umspült von bayrischer Folkloremusik…

Kaum aus der Mannschafts- bzw. Toilettenkabine zurückgekehrt, wurde die Zuversicht und Hoffnung auf eine Wende in der zweiten Halbzeit von Schuhplattler-Klängen niedergetrampelt. Die Bayernfans tönten mittlerweile höhnisch: „Turbine abschalten“, richtig nette Menschen in Seehofers Heimat…

Somit blieb das Leid – und die Zuversicht ging.

Der Mann mit der Eisenstange in Aktion

Die bayrischer Mauer im Strafraum wurde immer dicker und breiter, denn München konzentrierte nach der 2:0-Führung alles aufs Verteidigen. Irgendwann nahm dann der Mann vor der mechanischen Stadionanzeige seine Eisenstange in die Hand, um die Zahl 2 mit der Zahl 3 auszutauschen. Nach Wenninger war nun Rolser erfolgreich gewesen. Während die Bayernfans „Finale oho“ grölten, nutzte Lara Prasnikar die wiederholte Unsicherheit der Linienschiedsrichterin aus und netzte ein wunderbares Abseitstor ein. Und der Mann an der Stadionwand griff tatsächlich nochmal nach seiner Stange…

Das war eines der schlechtesten Spiele der Saison. Wobei, wenn man den DFB-Liveticker liest, erhält man den Eindruck von einem ganz anderen, vermutlich mit einer rosafarbenen Brille geschauten Spiel. Von einem „Spiel auf Augenhöhe“ ist hier die Rede und dass Potsdam die ganze Zeit „ganz nah dran“ war. Also, wer von den mitgereisten Fans seine gute Laune wieder zurückerhalten möchte, dem gilt diese Leseempfehlung.

Potsdam hatte kein Rezept gegen die bayrischen Damen, die Tagesform war heute dunkelrot ausgemalt. Standardsituationen verpufften, Elsig und Huth zeigten die größten Bemühungen und die Einwechslung von Kössler ließ Potsdams Selbstbewusstsein erahnen.

Kleiner Trost:  Essen erging es in Wolfsburg ähnlich. Somit sei auch den Essener Fans „Schöne Pfingsten!“ gewünscht.

Übrigens: Wenn uns der Weg im Mai erneut nach München führt, bringen wir all unsere Teddys mit. Mal sehen, wie die bayrische Stadion-Security auf diesen „Plüschangriff“ reagiert oder ob der FC Bayern die bürokratische Gesetzeslücke im Umgang mit Stofftieren zu regeln weiß.

Der Sonntagsausflug ins Grünwalder Stadion war weder herzlich noch erfolgreich.

Nun gilt es am Mittwoch (18.04.) im heimischen Karli, wenn die Nachholpartie gegen Freiburg ansteht, das Gegenteil zu zeigen. Und das wird gelingen, denn das knallgelbe Turbinchen“-Maskottchen“ darf hier dann wieder zuschauen.

 

Text: Susanne Lepke

Fotos: Susanne Lepke, Peter Tietze, Beatrice Martens